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- Blattentjungferungsneurose
- Der Tag ist grau - es regnet aus Kanistern.
Ein Dichter dünkt sich einfallslos und fad,
da füllt die Schreibtischluft ein leises Knistern:
" Gestatten, Herr, ich heiße DINA Blatt,
gebor'ne Freifrau von zur Zellulose.
Ich geh noch ein - aus Langeweile - still.
Mein Leiden: Die Entjungferungsneurose.
Ich suche wen, der mir was antun will.
Ach, käm ich nur dem Richt'gen in die Finger.
Es dürstet mich nach einem flotten Stift.
Sie wissen doch, wir unberührten Dinger
empfinden reines Weiß als pures Gift.
Sie könnten ihre Sehnsucht in mich stöhnen
den Schmerz mir schniefen, tief in mein Gewand.
Sie könnten mit viel Liebe mich verwöhnen -
Mir fehlt nur ihre hochpotente Hand.
Wie lang woll'n sie noch brütend in sich dringen?
Ich bin die Warterei nun gründlich satt.
Sie brauchen ihren Stift doch nur zu schwingen
und endlich wär ich ein beschrieb'nes Blatt.
Klopfstock
- Schäbiger Dialog
- Er schaute und wartete. Plötzlich schwamm eine Mitreisegelegenheit vorüber.
Verzeihen Sie, gnädige Dame. Darf ich zu Ihnen steigen.
Was sollte ich verzeihen?
Mein Benehmen, Sie wundervolle Dame von der Seite anzureden.
Dafür können Sie nichts, der Strom hat mich gedreht.
Doch hätte ich wohl warten können.
Dann wäre ich an Ihnen vorübergezogen.
...und ich wäre Ihnen nachgeschwommen.
Sie hätten sich erkältet auch um des Risikos Willen?
Ich hätte mich erkältet nur für Sie.
Wohl wegen mir wären Sie dann ungesund.
Ich hätte Sie nicht fragen dürfen.
Ach Gnädigster, Sie hätten mich gefragt, auch ungedurft.
Ich hätte Sie gefragt, nur für Sie.
Steigen Sie zu.
Vielen Dank, doch Sie haben schon jetzt kaum Platz.
Ich muss ihn haben, ich bat Sie, hereinzusteigen.
Es solle nicht um mich, sich zu verbiegen.
Sie haben nichts bezahlt, Sie gingen keinem Risiko vor die Flinte.
So ist es Ihr Wunsch, mich Sie begleitend zu versuchen?
Es ist.
Der Strom wurde schneller. Der Eierbecher trieb in seine Mitte und drehte sich
sanft im Kreis. Er schwamm auf einem Wellenberg mutig in die Dunkelheit.
Mario Pehle - www.errorinitus.de

- Dreizehnlinden - V. Am Opfersteine
- Lieblich sind die Juninächte,
Wenn des Abendrots Verglimmen
Und des Morgens frühe Lichter
Dämmernd ineinanderschwimmen;
Wenn der Lenz in roten Rosen
Rasch verblutet und die kleinen
Nachtigallen um den Toten
Ihre letzten Lieder weinen;
Wenn im Kelch der Lindenblüte
Unterm Blätterbaldachine
Schläft, gewiegt von lauen Lüften,
Die verirrte müde Biene.
Träumerisch im Nest der Schwalbe
Zirpt die Brut und zwitschert leise
Von dem großen blauen Himmel
Und der großen Südlandsreise.
Und im Weizen schlägt die Wachtel,
Jedem Pflüger liebe Laute,
Liebe Laute all den Körnern,
Die er fromm der Flur vertraute.
Durch die frisch entsproßnen Ähren
Haucht ein Säuseln und ein Singen,
Als ob holde Himmelsgeister
Segnend durch die Saaten gingen.
Friedrich Wilhelm Weber
- Was wär ...
- Was wär ein Apfel ohne -Sine,
Was wären Häute ohne Schleim?
Was wär'n die Vita ohne -Mine,
Was wär'n Gedichte ohne Reim?
Was wär das E ohne die -llipse,
Was wär veränder ohne -lich?
Was wär ein Kragen ohne Schlipse,
Und was wär ich bloß ohne Dich?
Heinz Erhardt
- Aus den Schilfliedern
- Auf dem Teich dem regungslosen,
Weilt des Mondes holder Glanz,
Flechtend seine bleichen Rosen
In des Schilfes grünen Kranz.
Hirsche wandeln dort am Hügel,
Blicken in die Nacht empor;
Manchmal regt sich das Geflügel
Träumerisch im tiefen Rohr.
Weinend muss mein Blick sich senken;
Durch die tiefste Seele geht
Mir ein süßes Deingedenken
Wie ein stilles Nachtgebet!
Nikolaus Lenau
- Herbst
- Die Tauben sitzen schwer wie Steine.
Der Baum im Hof verliert Gewicht.
Ein alter Mann vertritt die Beine.
Wird Herbst da draussen,
Wie ich meine
Zwölf Bänke stehn und sind
vergessen.
Ein Tulpenbeet hat nichts zu tun.
Ein Sonnenstrahl grüsst sehr
gemessen,
Den Herbst da draussen
Und in mir
Hildegard Knef
- Stufen
- Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
Hermann Hesse
- spät - ein talkingblues
- wieder einmal
(seit wann?)
in diesem
(wars ein motel?)
gelandet und finde
geschlossene läden
im dritten stock
im parterre ein fenster
flügel noch offen
schlägt im wind
(zärtlich?)
hin
und her
und hin
die portierloge leer
bis auf den besen
(hinten links)
auf staubigem glas
noch ein paar alte
fingerabdrücke
(verwischt)
die lounge verlassen
kamin kalt
(no whiskey no kräutertea)
irgendwo in der ecke
ein roter koffer
(herrenlos)
stehengelassen?
vergessen?
auf dem teppich vorm kamin
ein paar haare
(grau)
und spuren
vom rocking rolling chair
(nur noch schwach)
auf dem tisch
vergilbte journale
ein einsamer gast
redet
vor sich hin
vor sich hin
vor sich hin
redet ohne antwort
kommt jemand ?
(zurück?)
und hör ich draußen
autoräder auf dem kies?
und such ich birkenscheiter?
und wische ich
(zärtlich)
staub vom kaminsofa?
und streiche ich
(zärtlich)
über alt eingesessenes
abgewetztes?
und wart ich?
(auf wen?)
die Windfrau
- Ody zu beflügeln
- Erschlagen mit letztem Krach und Ach.
Bestritten, von Seele auf.
Genarrt, im Grunde genommen.
Verwirrt, wo auch sonst nicht viel fehlte?
Ins Meinerlei:
Schattige Wege, dicht auf dicht...
Ertragen mit letztem Weh und Schmach.
Ergriffen, von Anstand an.
Verharrt im Grund angekommen.
Kapiert, wo zum Schluss nicht viel fehlte?
Meinerlei:
Highways, dicht auf dicht...
Erhaben über den letzten Groschen hinaus.
Zugeritten von Teufelszungen.
Erstarrt auf den Hund gekommen.
Geniert, wo zum Schluss zu viel fehlte?
Im Meinerlei:
Myways, dicht auf dicht...
Arminius
- Weltende
- Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
Lastet grabesschwer.
Komm, wir wollen uns näher verbergen...
Das Leben liegt in aller Herzen
Wie in Särgen.
Du! Wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.
Else Lasker-Schüler
- Müde bin ich
- Müde bin ich, geh zur Ruh,
Schließe beide Äuglein zu;
Vater, lass die Augen dein
Über meinem Bette sein!
Hab ich Unrecht heut getan,
Sieh es, lieber Gott, nicht an!
Deine Gnad und Jesu Blut
Macht ja allen Schaden gut.
Alle, die mir sind verwandt,
Gott, lass ruhn in deiner Hand!
Alle Menschen, groß und klein,
Sollen dir befohlen sein.
Kranken Herzen sende Ruh,
Nasse Augen schließe zu;
Lass den Mond am Himmel stehn
Und die stille Welt besehn!
Luise Hensel (mein Nachtgebet aus Kindertagen)
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